Wer dabei aber allein an Gehörschäden denkt, die ab einem Schalldruckpegel von 85 dB(A) auftreten können, hat nur einen kleinen Teil des Problems vor Augen. Unser Hörsystem analysiert auch unbewußt ständig alle akustischen Signale, die aus der Umgebung auf uns einwirken. Lärm stört und beeinflußt so wichtige Aktivitäten eines jeden Individuums: Konzentration, Kommunikation, Erholung und Schlaf. Er wirkt als unspezifischer Streßfaktor.

Umwelt- und Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass ca. 25 Prozent der Krankheitslast der Bevölkerung in Europa auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. Nach der Luftverschmutzung ist die Belastung durch Lärm hierbei das zweitwichtigste Problem.
Zahlreiche Untersuchungen weisen auf ein höheres Risiko von Herz-/ Kreislauf-Erkrankungen einschließlich Bluthochdruck und Herzinfarkt bei Meschschen hin, die ständig hohen Verkehrslärmpegeln ausgesetzt sind.

Erst im vergangenen Jahr hat das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation für Europa in einer ausführlichen Publikation die gesundheitlichen Probleme dargestellt, die durch Verkehrslärm in Europa entstehen.
Der Bericht wurde von anerkannten Experten erstellt, die vom WHO Regionalbüro für Europa berufen wurden. Ziel war es ausdrücklich, politischen Entscheidungsträgern und ihren Beratern technische Unterstützung bei der quantitativen Erfassung der lärmbedingten Gesundheitsrisiken zu geben.


Unter konservativen Annahmen wurde geschätzt, dass durch Umweltlärm in der EU und weiteren westeuropäischen Ländern jedes Jahr zahlreiche gesunde Lebensjahre verloren gehen.

Verlust gesunder Lebensjahre innerhalb der Europäischer Union und Westeuropa durch UmweltlärmUrsache
61.000 Jahre ischämische Herzkrankheiten, hierzu gehören beispielsweise Herzinfarkte
903.000 Jahre Schlafstörungen
45.000 Jahre kognitive Beeinträchtigungen, hierzu zählen beispielsweise Aufmerksamkeits- und Lernstörungen bei Kindern
22.000 Jahre Tinnitus (Ohrgeräusche)
587.000 Jahre andere erhebliche Belästigung


Es ergibt sich hieraus die beträchtliche Summe von zumindest einer Million gesunder Lebensjahre, die in Westeuropa jährlich durch Umweltlärm verloren gehen!


Während in diesem WHO-Bericht noch festgehalten wurde, dass bislang keine Beweise für eine Erhöhung des Schlaganfallrisikos durch Lärm vorliegen, gibt es mittlerweile auch hierfür eindeutige Daten.

Im Sommer 2011 ist eine dänische Studie (Road traffic noise and stroke: a prospective cohort study) erschienen, die zeigt, dass vor allem bei Menschen im Alter über 65 Jahre die Gefahr eines Schlaganfalls eindeutig und mindestens proportional mit dem Lärmpegel verknüpft ist. So fand sich, dass ab einem Lärmpegel von 60 dB(A) das Risiko für einen Schlaganfall pro weiterem Anstieg des Schallpegels um 10 dB bei Menschen ab diesem Alter um jeweils 27 Prozent ansteigt.

Der Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik beschreibt die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit:

"Die Auswirkungen und Folgen des Straßenverkehrslärms auf den Menschen und sein Wohlbefinden werden meist unterschätzt. Das „Gewöhnen“ an Lärm ist nur scheinbar, weil man die Ursache kennt. Das körpereigene Abwehrsystem muss gleichwohl reagieren und den Stress abbauen. Zwar schädigt Straßenverkehrslärm allein nicht das Gehör, epidemiologische Studien zeigen aber, dass bei Geräuschbelastungen durch Straßenverkehr, die tagsüber dauerhaft oberhalb 65 dB(A) liegen, ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen befürchtet werden muss.
Eine gravierende Auswirkung ist die Beeinträchtigung und Störung des Schlafes. Von der Schlafgüte hängen Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit entscheidend ab. Besonders ungünstig sind dabei neben dem allgemeinen Geräuschpegel laute, wegen des hohen Informationsgehaltes auffällige Einzelgeräusche insbesondere während der Nachtzeit.
Verkehrslärm verursacht Nervosität, Konzentrations- mangel bis hin zu Kopfschmerzen. Er beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit, die Erholung und Entspannung in der Wohnung oder im Freien und die Kommunikation. Distress, schlechte Laune, Gereiztheit, Nervosität, Aggressivität sowie erhöhter Medikamentenkonsum sind die Folge. Wenn Telefongespräche, Radio- und Fernsehsendungen durch Straßenverkehrslärm unverständlich werden, empfinden dies die Menschen als besonders ärgerlich. Auch soziale Veränderungen werden beobachtet. Zum Beispiel ist Lärm einer der wichtigsten Gründe für den Umzug ins Umland. In verlärmten Situationen nimmt die Hilfsbereitschaft ab. Verkehrslärm behindert darüber hinaus das Lernen und die Sprachentwicklung der Kinder."

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Akustik,
ALD Heft 1 - 2010